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Kompensatorische Erziehung



Unter kompensatorischer Erziehung versteht man eine Erziehung mit dem Ziel, die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien zu steigern.

Manchmal werden auch Programme, die sich an (junge) Erwachsene richten und etwa versuchen, diese in ihren Erziehungsfähigkeiten zu stärken als kompensatorische Erziehung bezeichnet.

Die kompensatorische Erziehung wurde in den 1960er Jahren in den USA entwickelt. Im Rahmen des "Krieges gegen die Armut" und der Great Society domestic agenda versuchte man dort "die Armut für immer abzuschaffen" (Präsident Lyndon Johnson). Ein Schritt der unternommen wurde, um dieses Ziel zu erreichen, war die Entwicklung der kompensatorischen Erziehung.

Inhaltsverzeichnis

  • 1 Ziele der Kompensatorischen Erziehung
  • 2 Kompensatorische Erziehung in den USA
  • 3 Kompensatorische Erziehung in anderen Ländern
  • 4 Kompensatorische Erziehung in Deutschland
  • 5 Erfolge der kompensatorsichen Erziehung
  • 6 Evaluation verschiedener Programme der kompensatorischen Erziehung
    • 6.1 Programme, die als erfolgreich gelten
    • 6.2 Programme, die umstritten sind
    • 6.3 Programme, die als erfolglos gelten
  • 7 Kritik an der kompensatorischen Erziehung
  • 8 Siehe auch
  • 9 Quellen
  • 10 Weblinks
  • 11 Literatur

[Bearbeiten] Ziele der Kompensatorischen Erziehung

Ziel der kompensatorischen Erziehung ist es, unterprivilegierte Kinder und Kinder aus bildungsfernen Schichten und benachteiligten Vierteln (Ghettos) zu fördern und so Bildungsbenachteiligung abzubauen und Chancengleichheit herzustellen. Außerdem sollen oft soziale Probleme wie Kriminalität, Drogenkonsum, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfeabhängigkeit, Teenage-Elternschaft und Abtreibungen bekämpft werden. Spezielle Programme der kompensatorischen Erziehung wenden sich an benachteiligte Gruppen wie zum Beispiel nur Mädchen oder nur Kinder mit einem Migrationshintergrund. Ein Beispiel für ein Programm, welches sich ausschließlich an Migranten wendet ist HIPPY.

[Bearbeiten] Kompensatorische Erziehung in den USA

Als wichtigstes Programm der kompensatorischen Erziehung wird meistens das amerikanische Head Start Programm genannt. Es ist weltweit eines der größten und teuersten Programme kompensatorischer Erziehung. Bisher haben in den USA etwa 24 Millionen Vorschüler an Head Start teilgenommen (Stand: April 2007). Im Jahre 2006 nahmen über 909.000 Kinder bzw. mitbetreute Familien an Head Start teil; das Budget betrug mehr als 6,7 Milliarden US-Dollar.[1] Es gibt insgesamt etwa 218.000 bezahlte Head Start Betreuer sowie insgesamt etwa 1.365.00 ehrenamtliche Betreuer. Zur Zeit finden insgesamt etwa 1.600 Head Start Projekte in den USA statt.

Weitere bekannte Programme der kompensatorischen Erziehung sind das Milwaukee Project, das Abecedarian Early Intervention Project, die 21st Century Community Learning Centers und das High/Scope Perry Preschool Project.

[Bearbeiten] Kompensatorische Erziehung in anderen Ländern

In Großbritannien wurden 1997 die Early Excellence Centre im Rahmen des Sure Start Programmes ins Leben gerufen. Das Sure Start Programm lehnt sich eng an Head Start an.

[Bearbeiten] Kompensatorische Erziehung in Deutschland

Auch in Deutschland wurde bereits das erste Early Excellence Centre gegründet. Seit Deutschlands mittelmäßigem Abschneiden bei der PISA-Studie wird in Deutschland der Ruf nach mehr kompensatorischer Erziehung laut.

[Bearbeiten] Erfolge der kompensatorsichen Erziehung

Insgesamt gibt es Anlass zum vorsichtigen Optimismus.[2]

Tony Mayr schreibt hierzu:

Es gibt empirische Belege dafür, dass frühe Interventionen auch langfristig präventiv wirken können, etwa gegenüber der Entwicklung von Delinquenz. Sie können so tatsächlich helfen, den "cycle of disadvantage" zu durchbrechen. Erreichen lassen sich solche Ziele aber nur [...] mit einem beträchtlichen Aufwand: Die Interventionen sollen früh einsetzen und intensiv, breit und flexibel angelegt sein; sie müssen inhaltlich richtig konzipiert und gut implementiert werden, das Kind, seine Eltern sowie einschlägige Institutionen miteinbeziehen und sollen zeitlich übergreifen angeboten werden. Die aus verschiedenen Gründen sehr attraktive Hoffnung, inhaltlich eng umschriebene und zeitlich klar umgrenzte - d.h. vor allem auch wenig aufwendige - primär-präventive Programme könnten die vielfältigen Probleme von "high-rik"-Familien dauerhaft lösen, scheint aufgrund der aktuellen Forschungslage nicht gerechtfertigt.[3]

Voraussetzungen für den Erfolg der kompensatorischen Erziehung sind eine hohe Professionalität und Kompetenz des Helfenden und ein frühes Unterbrechen der Störungsdynamik, sowie kontinuierliche Hilfen[4] Die Intervention muss intensiv sein. Es liegen zahlreiche Beweise dafür vor, dass wenig intensive Hilfen auch wenig oder gar nichts bewirken. Es existiert offenbar eine Untergrenze, ab der Interventionen keine messbaren Erfolge mehr erbringen. So zeigte sich zum Beispiel, dass bei familienbezogen Interventionsprojekten ein Hausbesuch pro Woche nichts bringt und zwei Hausbesuche pro Woche bringen nur sehr wenig. Erst ab drei Hausbesuchen pro Woche gab es starke Wirkungen[5]. Wenn diese Voraussetzungen beachtet werden, so kann die kompensatorische Erziehung wirkungsvoll sein.

Zigler und Styfco warnen jedoch davor, sich nur auf die Erfolge der kompensatorischen Erziehung zu verlassen, statt eine wirkungsvolle Armutsbekämpfung anzustreben:

Die empirische Literatur (...) bietet gute und schlechte Nachrichten. Die schlechte Nachricht ist, dass weder "Head Start" noch irgendein anderes Vorschulprogramm Kinder gegen die Verwüstungen impfen kann, die Armut anrichtet. Frühzeitige Intervention kann den Einfluss schlechter Wohnbedingungen, Mangelernährung und schlechter Gesundheitsvorsorge, negativer Rollenvorbilder und unterdurchschnittlicher Schulen einfach nicht überwinden. Gute Programme können die Kinder aber auf die Schule vorbereiten und ihnen vielleicht helfen, bessere Fähigkeiten zur Anpassung und Bewältigung zu entwickeln, die ihnen bessere, wenngleich nicht perfekte Lebensumstände gestatten[6]

[Bearbeiten] Evaluation verschiedener Programme der kompensatorischen Erziehung

[Bearbeiten] Programme, die als erfolgreich gelten

Erfolge: Im Alter von 21 Jahren hatten die Kinder einen höheren IQ als Kinder aus der Kontrollgruppe, sie besuchten häufiger das College und waren häufiger Facharbeiter.
Erfolge: Kinder zeigen positive Veränderungen im Blick auf Lernmotivation und Sozialkompetenzen wie Kommunikations- und Teamfähigkeit.
Erfolge: Schüler der Career Academies erreichen im späteren Leben häufiger einen Hochschulabschluss und haben ein höheres Einkommen. Kritik: Das Programm ist für die Schüler kostenpflichtig.
Erfolge: Schüler gehen regelmäßiger zur Schule und erlangen häufiger einen Abschluss.
Erfolge: Die Kinder waren im Erwachsenenalter weniger häufig kriminell, hatten häufiger einen Schulabschluss und waren weniger häufig von der Sozialhilfe abhängig. Deswegen war das Projekt auch für den Staat rentabel. Für jeden in das Projekt investierten $ konnten 17$ an sozialen Hilfen gespart werden.
Erfolge: Im Alter von 6 Jahren hatten die Kinder einen IQ von 120. Der IQ der Vergleichsgruppe lag bei nur 87.
Erfolge: Die Kinder waren im Alter von häufiger schulreif, waren weniger verhaltensauffällig und wurden weniger häufig straffällig.

[Bearbeiten] Programme, die umstritten sind

Erfolge: umstritten. Das Programm wurde bis jetzt nicht evaluiert.
Erfolge: Das Programm wird von einigen Wissenschaftlern als erfolgreich angesehen, von anderen wieder als erfolglos.
Für weitere Informationen siehe: Head Start
Erfolge: teilweise erfolgreich. Die Kinder lasen besser als nicht geförderte Kinder aus ähnlichen Verhältnissen. Sie lasen jedoch schlechter als der Durchschnitt der Gleichaltrigen.


[Bearbeiten] Programme, die als erfolglos gelten

Erfolge: keine. Die akademischen Leistungen der Schüler besserten sich nicht.
Erfolge: keine. Es konnte kein Nutzen des Programms nachgewiesen werden.
Erfolge: keine. Die Kinder wurden gleich oft misshandelt und mussten gleich häufig in Pflegefamilien untergebracht werden wie Kinder aus der Kontrollgruppe.

Für Quellenangaben zu den hier aufgezählten Programmen siehe die jeweiligen Artikel.

[Bearbeiten] Kritik an der kompensatorischen Erziehung

Programme der kompensatorischen Erziehung werden in den USA kontrovers diskutiert. Die amerikanische Regierung bezeichnet die Programme als Erfolg. Kritiker gibt es jedoch sowohl unter Rechten, als auch unter Linken. Der rechte Psychologe Arthur Jensen bezeichnet Programme der kompensatorischen Erziehung als Geldverschwendung; der IQ sei nicht steigerbar, sondern genetisch bedingt.[7], [8]
Dieses Argument ist natürlich völlig unhaltbar, da die kompensatorische Erziehung genau dort ansetzt, d.h. sie ist bemüht, die Entfaltung der kognitiven Kompetenz (gemeinhin über eine IQ-Messung definiert) eines jeden Kindes unabhängig von seinem sozialen Hintergrund zu ermöglichen.
Sie beruht demnach auf der Prämisse, dass sich ohne Förderung die Begabung und dementsprechend die Schulleistung nicht in dem Maße ausbildet, wie es aufgrund der kognitiven Kompetenz zu erwarten wäre. Eine Argumentation wie oben läge den Schluss nahe, dass Arbeiterkinder von vornherein eine geringere kognitive Kompetenz besäßen, was mithin als ausreichend widerlegt gilt (s. Bildungsbenachteiligung) und eine Umkehrung des Kausalzusammenhangs darstellt.

Auch aus den Reihen der Linken wurde die kompensatorische Erziehung kritisiert. Der Vorwurf war, dass die kompensatorische Erziehung Mittelschichtsstandards verherrliche. So warfen Meier, Menze und Torff der kompensatorischen Erziehung vor, dass sie das Arbeiterkind seiner Lebenswelt entfremde.[9].

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Quellen

siehe Literatur und Weblinks

  1. ? Head Start Program Fact Sheet
  2. ? Hans Weiß: Armut als Entwicklungsrisiko ? Möglichkeiten der Prävention (PDF) ? Download am 25.11.2007
  3. ? Toni Mayr (2000): Entwicklungsrisiken bei armen und sozial benachteiligten Kindern und die Wirksamkeit früher Hilfen. In: Hans Weiß (Hrsg.): Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen. München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 3-497-01539-3; S. 163
  4. ? Toni Mayr (2000): Entwicklungsrisiken bei armen und sozial benachteiligten Kindern und die Wirksamkeit früher Hilfen. In: Hans Weiß (Hrsg.): Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen. München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 3-497-01539-3; S. 159
  5. ? Toni Mayr (2000): Entwicklungsrisiken bei armen und sozial benachteiligten Kindern und die Wirksamkeit früher Hilfen. In: Hans Weiß (Hrsg.): Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen. München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 3-497-01539-3; S. 159
  6. ? Zigler&Styfco 1994, S. 129, zitiert nach: Philip Zimbardo (2004): Psychologie - 16., aktualisierte Auflage. München: Pearson Studium. ISBN-13: 987-3-8373-7056-3, ISBN-10: 3-8273-7056-6, S. 426
  7. ? Jensen, Arthur (1972): Genetics and education. Harper & Row, New York.
  8. ? Jensen, Arthur: The g factor: the science of mental ability Westport, Conn. [u.a.]: Praeger
  9. ? Meier, Menze, Torff (1974): Das Elend mit der kompensatorischen Erziehung. Giessen: Edition 2000, Verlag Andreas Achenbach

[Bearbeiten] Weblinks

Abecedarian Early Intervention Project

Early Excellence Centre

Head Start

High/Scope Perry Preschool Project

Milwaukee Project

Vergleich verschiedener Programme

[Bearbeiten] Literatur






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