Der Blindwiderstand (auch Reaktanz) ist eine Größe der Elektrotechnik, die bei Wechselstrom eine Phasenverschiebung zwischen Spannung und Strom verursacht. Der Wert des Blindwiderstandes ist frequenzabhängig. Der Zusatz ?blind? rührt daher, dass in Blindwiderständen keine Wirkleistung umgesetzt wird, Energie also nicht unwiderruflich (in Wärme) umgewandelt wird und damit auch nicht "verloren" ("verloren" heißt, dass sie aus dem Schwingkreis als Wärme ausscheiden würde ? Energieerhaltungssatz) geht.
In Soziologie und Psychologie bezeichnet Blindwiderstand die Ablehnung von Ideen oder Vorschlägen, die nicht durch rationale Argumente erzeugt wird, sondern durch den Umstand, dass sie neu oder ungewöhnlich sind. Dies tritt insbesondere bei der Selbststrukturierung in sozialen Räumen und informellen Gemeinschaften auf. Im Gegensatz zur technischen Bedeutung des Begriffs ist er hier nicht mit Reaktanz synonym.
Inhaltsverzeichnis
|
Der Blindwiderstand X entspricht dem Imaginärteil des komplexen Widerstandes Z (Impedanz). Der Realteil von Z wird als Wirkwiderstand R bezeichnet. Die geometrische Summe von Wirk- und Blindwiderstand bezeichnet man als Scheinwiderstand Z.


Allgemein gilt:


Daraus folgt für den Blindwiderstand:

Da ein Kondensator und eine Spule Energiespeicher sind, die sich beim Anlegen einer Spannung aufladen, wird dem System während der Zeit des Aufladens Energie entzogen. Diese Energie kann dem System jedoch bei einer möglichen Entladung wieder zugeführt werden. Das Maß für den Energieentzug ist der Widerstand. Wenn der Entzug nicht endgültig ist, spricht man von einem Blindwiderstand, anderenfalls von einem Wirkwiderstand. Der Entzug und die Zufuhr von Energie wird als Arbeit bezeichnet. Die elektrische Arbeit (Verschiebungsarbeit) ist definiert durch das Produkt von Strom und Spannungsabfall mal der differentiellen Zeit. Der mit dieser Arbeit verbundene Energiefluss hat eine Richtung und kann in Bezug auf die Quelle positiv oder negativ sein. Das heißt, ein Blindwiderstand kann Energie speichern (aufnehmen) oder diese gespeicherte Energie auch wieder abgeben.
Der Verlauf der Aufladung ist bestimmt durch den Verlauf der Spannung bzw. des Stromes. Die am häufigsten betrachteten Verläufe in der Elektrotechnik sind sinusförmige Wechselsignale (Wechselstrom). In diesem Fall erfolgt die Auf- und Entladung des Energiespeichers periodisch in Form eines im Bezug zum eingeprägten sinusförmigen Spannungverlauf phasenverschobenen sinusförmigen Stromverlaufes. Bei einem transienten, einmaligen Auflade- bzw. Entladevorgang folgt der Verlauf der aufgenommenen bzw. abgegebenen Energie einer Exponentialfunktion. Ermittelt werden können diese zeitlichen Verläufe im speziellen durch das Lösen der Elementgleichungen für die Blindwiderstände.
Für eine ideale Spule mit der Induktivität L gilt:
Die Impedanz einer Spule ist
.Wobei j die imaginäre Einheit ist.
Ihr Blindwiderstand ist der Imaginärteil der Impedanz:
.Ihr Blindwiderstand XL nimmt mit wachsender Frequenz f (bzw. wachsender Kreisfrequenz
) zu. Ein Berechnungsbeispiel für den induktiven Widerstand ist hier zu sehen.
Für einen idealen Kondensator mit der Kapazität C gilt:
Die Impedanz eines Kondensators ist
.Sein Blindwiderstand ist der Imaginärteil der Impedanz:
.Der Blindwiderstand XC eines idealen Kondensators mit der Kapazität C wird bei zunehmender Frequenz f kleiner.
Der kapazitive Blindwiderstand ist im Gegensatz zum induktiven Blindwiderstand negativ. Physikalisch ist das umgekehrte Vorzeichen durch die entgegengesetzte Phasenverschiebung zwischen Spannung und Strom bedingt.
Die Einheit des Blindwiderstandes wird - ebenso wie beim Wirkwiderstand - in Ohm (?) angegeben.
Bei einem nicht sinusförmigen Verlauf von Spannung oder Strom lässt sich kein eindeutiger Blindwiderstand angeben. Jedes periodische Signal lässt sich durch eine Summe von sinusförmigen Signalen unterschiedlicher Frequenzen darstellen, was die Grundlage der Fourieranalyse darstellt. Diese zusätzlich zur sinusförmigen Grundschwingungen auftretenden Oberschwingungen müssen dabei jede für sich beachtet werden und deren Blindwiderstände ermittelt werden. Das heißt, es lässt sich nicht ein einziger Blindwiderstandswert ausdrücken sondern es ist eine Überlagerung verschiedener Blindwiderstände bei unterschiedlichen Frequenzen und unterschiedlichen Spannungs- bzw. Stromamplituden zu ermitteln.
Dieser Fall tritt beispielsweise bei nichtlinearen Verbrauchern, wie es Schaltnetzteile sind, oder induktiven Bauelementen auf, welche sich in magnetischer Sättigung befinden.
Bei einer Gleichspannung kann zur Ermittlung der Blindwiderstände direkt obige Beziehungen bei sinusförmigen Verlauf verwendet werden, wobei man die Frequenz ? gegen den Grenzwert von 0 streben lässt. Eine Frequenz von 0 Hz entspricht einem zeitlich konstanten Wert.
Damit ergibt sich bei Gleichspannung für die Spule der Blindwiderstand zu:

Das heißt, der Blindwiderstand einer Spule an Gleichspannung ist 0 Ohm. Eine ideale Spule bildet eine direkte Verbindung bzw. einen Kurzschluss der Spannungsquelle.
Im Gegensatz dazu ergibt sich der Blindwiderstand eines Kondensators an Gleichspannung zu:

was beim idealen Kondensator einen unendlich hohen Widerstand ergibt. Praktisch bedeutet dies, dass ein Kondensator im Gleichstromkreis eine Unterbrechung darstellt - es fließt nur der sehr geringe Leckstrom.
Es gilt:


Daraus folgt die Formel:
(kapazitiver Spannungsabfall)
Für sinusförmige Wechselströme ergibt sich:

Nach Integration folgt:


Nach den Transformationsregeln für harmonische Schwingungen gilt:

Daraus folgt die Umformung:

Nach Ersetzen der komplexen Wechselgrößen folgt:

Daraus ergibt sich für die Impedanz:


Der Blindwiderstand ist nunmehr der Imaginärteil der Impedanz

Es gilt:
(induktiver Spannungsabfall)Daraus folgt:


Nach gleicher Abfolge wie beim Kondensator ergibt sich:

Daraus ergibt sich für die Impedanz:


und für den Blindwiderstand:

Es gilt:

Für sinusförmige Wechselströme ergibt sich:

Daraus folgt die Umformung:

Nach Ersetzen der komplexen Wechselgrößen folgt:

Daraus ergibt sich für die Impedanz:


und für den Blindwiderstand:

Ein idealer linearer Blindwiderstand verursacht nur Blindleistung im Netz, verbraucht jedoch keine Wirkleistung. Die zum Auf- und Abbau elektrischer oder magnetischer Felder benötigte elektrische Energie wird wieder an den Erzeuger zurückgegeben, belastet jedoch die Leitungen.
Blindwiderstände treten allerdings nie alleine auf, da es in der Praxis keine verlustlosen Stromkreise gibt. So sind Blindwiderstände immer mit Wirkwiderständen verknüpft, die tatsächlich Leistung umsetzen.
Überwiegt in einem Verbraucher der induktive Blindwiderstand gegenüber dem kapazitiven, so wird der Verbraucher als ohmsch-induktiv bezeichnet, anderenfalls als ohmsch-kapazitiv.
Beispiel: Die Vorschaltdrossel bei Leuchtstoff- und Gasentladungslampen ist ein induktiver Vorwiderstand (Blindwiderstand) zur Strombegrenzung und verursacht daher gegenüber einem ohmschen Widerstand nur geringe Verluste (ohmsche und magnetische Verluste).
Folgende Verbraucher sind in der Regel ohmsch-induktiv:
Folgende Verbraucher sind in der Regel ohmsch-kapazitiv:
Die beiden erstgenannten Verbraucher sind - wenn sie keine Schaltungsmaßnahmen zur Leistungsfaktorkorrektur (PFC) besitzen - kapazitive und aufgrund des Eingangsgleichrichters auch nichtlineare Lasten; sie erzeugen neben Blindleistung daher auch Oberwellen im Versorgungsnetz.