Als Nachtkrabb bezeichnet man im süddeutschen Raum eine Kinderschreckfigur, die ähnliche Funktionen wie ursprünglich der Sandmann erfüllen soll. Die Nachtkrabb holt angeblich Kinder, die sich nach Einbruch der Dunkelheit noch im Freien aufhalten, und fliegt mit ihnen so weit fort, dass sie ihr Zuhause nie mehr wiederfinden.
In Österreich kennt man die Kinderschreckfigur als Nachtkrapp. Sie wird dort als riesiger, rabenähnlicher Vogel beschrieben, der die Kinder nicht nur entführt, sondern auch auffrisst.
Krabb (Krapp, Krabbe, Grabbe, Rappe) ist in süddeutschen Dialekten eine Bezeichnung (bayrisch, südfränkisch, alemannisch, schwäbisch) für den Rabe bzw. Rabenvögel. Es ist naheliegend, dass diesen aasfressenden Schwarmvögeln auch allerhand unheilbringende Wirkung angedichtet wurde, z.B. dass der Rabe nachts die Kinder entführt.
Als vogelartige Figur gehört sie auch zu den Faschingsgestalten der Murrhardter Narrenzunft; ferner findet man sie auf einem Wandgemälde im Kloster Murrhardt. Die Geschichte vom Nachtkrabb wird auch im Carl-Schweizer-Museum in Murrhardt oft erzählt.
Das reale Vorbild der Murrhardter Faschingsgestalt ist vermutlich der Schopfibis oder Waldrapp, ein dunkel gefiederter Vogel mit nacktem rotem Gesicht und langem, rotem, gebogenem Schnabel, der in Kolonien lebt und etwas unheimliche Geräusche von sich zu geben vermag. Er war bis vor ca. 350-400 Jahren auch in Mitteleuropa heimisch und dürfte nicht nur in Süddeutschland die Phantasie der Karnevalisten angeregt haben: Auch venezianische Masken mit langen roten Schnäbeln sollen auf den Waldrapp zurückgehen.