Die Bundestagswahl 1972 fand am 19. November 1972 statt. Die Wahl zum 7. Deutschen Bundestag war die erste vorgezogene Bundestagswahl in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
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Notwendig wurde die Wahl, nachdem die Mehrheit der Sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt im Lauf der Legislaturperiode nach und nach durch Mandatswechsel bröckelte, wie beispielsweise durch Erich Mende, der die Politik der Koalition nicht mehr unterstützen wollte.
Im April 1972 scheiterte ein Konstruktives Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, bei welchem Rainer Barzel zum Bundeskanzler gewählt werden sollte, an zwei fehlenden Stimmen, dabei war mindestens eine Stimme gegen Barzel (Julius Steiner, CDU) durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gekauft worden (Steiner-Wienand-Affäre), man geht sogar davon aus, dass beide Stimmen durch das MfS gekauft worden sind. Trotzdem besaß die Koalition keine handlungsfähige Mehrheit mehr, sodass Bundespräsident Gustav Heinemann nach einer negativ beantworteten Vertrauensfrage von Bundeskanzler Brandt den Bundestag auflöste.
Obwohl bereits unmittelbar nach dem gescheiterten Misstrauensvotum feststand, dass die Koalition ihre Mehrheit verloren hatte, zögerte Brandt in Übereinkunft mit der Opposition die notwendige Vertrauensfrage bis zum Herbst hinaus. Offizieller Grund waren die Olympischen Sommerspiele im August/September, deren Organisation man weder durch einen Wahlkampf, eine Regierungsbildung oder gar einen Regierungswechsel überlagern wollte. Auch organisatorische Fragen spielten bei allen Parteien eine Rolle. Für die SPD kam überdies hinzu, dass die Umfragewerte im Frühjahr katastrophal ausfielen und erst durch die von Albrecht Müller maßgeblich geplante Kampagne ein Stimmungsumschwung möglich wurde.
Für die Unionsparteien trat der CDU-Parteichef und Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Rainer Barzel als Kanzlerkandidat an. Es war ein emotional geführter Wahlkampf mit hoher Wahlbeteiligung, denn es ging um die Bestätigung oder Ablehnung der ersten Sozialliberalen Koalition der Bundesgeschichte und ihre kontrovers aufgenommene Ostpolitik. Erstmals durften auch junge Menschen im Alter von 18 bis 20 Jahren an der Wahl teilnehmen, nachdem im Juni das Wahlalter gesenkt worden war.
Die Wahl endete mit dem größten Erfolg für die SPD in ihrer Geschichte.
| 230
45,8% |
225
44,9% |
41
8,4% |
0,6%
|
0,3%
|
0,1%
|
0,0%
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| SPD | CDU/CSU | FDP | NPD | DKP | EFP | FSU |
obere Zahl = Sitze; untere Zahl = Stimmenanteil; fett hervorgehobene Parteien = Regierungsparteien
Das Endergebnis lautete:
| Partei | Zweitstimmen | Prozent | Sitze¹ | Verschiebung | Wahlkreise | Überhangmandate | Bemerkungen |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) | 17 175 169 | 45,8 | 230 (12) | + 6 | 152 | ? | erstmals stärkste Bundestagsfraktion |
| Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) | 13 190 837 | 35,2 | 177 (9) | ? 16 | 65 | ? | erstmals als CDU/CSU nicht die stärkste Bundestagsfraktion |
| Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU) | 3 615 183 | 9,7 | 48 | ? 1 | 31 | ? | erstmals als CDU/CSU nicht die stärkste Bundestagsfraktion |
| Freie Demokratische Partei (FDP) | 3 129 982 | 8,4 | 41 (1) | + 11 | ? | ? | ? |
| Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) | 207 465 | 0,6 | ? | ? | ? | ? | ? |
| Deutsche Kommunistische Partei (DKP) | 113 891 | 0,3 | ? | ? | ? | ? | ? |
| Europäische Föderalistische Partei (EFP) | 24 057 | 0,1 | ? | ? | ? | ? | ? |
| Freisoziale Union (FSU) | 3 166 | 0,0 | ? | ? | ? | ? | ? |
¹in Klammern: Zahl der am gleichem Tag vom Abgeordnetenhaus von Berlin gewählten, nicht stimmberechtigten Berliner Bundestagsabgeordneten
Bundeskanzler Brandt wurde im Dezember 1972 als Bundeskanzler wiedergewählt, die Koalition hatte für weitere vier Jahre eine klare Mehrheit. Barzel blieb zunächst Oppositionsführer, trat aber bereits ein halbes Jahr später zurück. Mit Annemarie Renger (SPD) wurde erstmals eine Frau zur Bundestagspräsidentin gewählt; sie war gleichzeitig das erste SPD-Mitglied, das diesen Posten inne hatte.
1949 | 1953 | 1957 | 1961 | 1965 | 1969 | 1972 | 1976 | 1980 | 1983 | 1987 | 1990 | 1994 | 1998 | 2002 | 2005 | 2009
Siehe auch: Reichstagswahlen (Kaiserreich), Reichstagswahlen (Weimarer Republik)